Puzzle-Kiste

Unterwegs: Bilder und Notate

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Das Bildschema, mit dem sich der italienische Künstler Michelangelo Pistoletto in jahrzehntelangen Variationen einen Platz in der Geschichte der modernen Kunst gesichert hat (auf Spiegelfolie gedruckte Figuren, die mit den Betrachtern ständig wechselnde Konstellationen ergeben), ist ein alter Hut. Im Landesmuseum Zürich ist ein auf einen Spiegel gemaltes Hinterglasbild mit Totenkopf zu sehen (Memento mori, um 1670), in dem sich der Betrachter der eigenen Vergänglichkeit vergewissern kann. Dagegen wirken die Figurenkombinationen bei Pistoletto eher banal, der Bezug auf die fundamentale Ambivalenz von Leben und Tod kommt auf der sozialen Schiene (Abbildung – Betrachter) nicht zur Wirkung. (1.1.2013)

Street Art: Lissabon, Av. Conselheiro F. Sousa, Oktober 2012

Die deutsche Kanzlerin lässt die Puppen tanzen (den portugiesischen Regierungschef und seine Koalitionspartner); ein Bild, das nationalistische Ressentiments schürt, die wiederum darüber hinwegtäuschen, dass Portugal seinen (relativen) Wohlstand der EU verdankt und dass die einheimischen Politiker aller Couleur begeistert an der Schuldenschraube mitgedreht haben. Auch die Rezepte der Linken für die Krise (eine „patriotische Regierung“ und die Aufforderung, die Schulden einfach nicht zurückzuzahlen) sind aufgewärmte Wahnvorstellungen von vorgestern.

Lissabon, Av. Conselheiro F. Sousa: November 2012. Das Gebet lautert: „Erlöse uns, Herr, von den korrupten Schweinen, die Portugal zu Grunde richten.“ Auch dieses Gebet (wie alle anderen seit Jahrtausenden) wird kein Gehör finden. der HERR hat wohl Wichtigeres zu tun als korrupte Politiker und mafiöse Händler aus den Tempeln zu vertreiben. Auch Herkules, der sich seinerzeit als gewaltiger Ausmister profilierte, steht nicht mehr zur Verfügung. Also wird weiter gebetet …

„Rülpsende Kühe“ (DZ 29.11.2012: 28) und andere Klimakiller

Im trüben Herbst 2012 publizierte VW eine Anzeigenkampagne (u. a. DZ 29.11.: 11) für den neuen Golf mit der Schlagzeile: „In einer Woche atmet der Mensch bis zu 87.500 Liter Luft ein“. Dass „der Mensch“ andererseits täglich 0,5 – 1,5 Liter Methangas produziert und in die Umwelt bläst, wird nicht weiter thematisiert, während die Methanproduktion der wiederkäuenden Kühe (bis 230 Liter pro Tag, 450 000 Tonnen pro Jahr allein in Deutschland) regelmässig als bedrohlicher Beitrag zur Klimakatastrophe herausgestellt wird. Implizit: Kohlekraftwerke und Autos sind nicht die einzigen Luftverschmutzer. Die menschlich-biologische Gasproduktion dagegen (bei 7 Milliarden Weltbewohnern immerhin 7 Millionen Kubikmeter jährlich) ist den Medien keine müde Zeile wert. Es wurde bereits vorgeschlagen, Anti-Methanpillen, Gasmasken und Methan-Staubsauger für Kühe einzuführen.

Methan-Absauger für Wiederkäuer (Patent angemeldet). Wünschenswert wäre ein ähnliches Dispositiv für die Bewohner der überbevölkerten Mega-Städte

Methan-Absauger für Wiederkäuer (Patent angemeldet). Wünschenswert wäre ein ähnliches Dispositiv für die Bewohner der überbevölkerten Mega-Städte

Schlimmstenfalls die Wiederkäuer ganz zu verbieten oder abzuschaffen, wäre bei dem ständig steigenden Konsum von Rindfleisch (2011: über 64 Millionen Tonnen) nur schwer durchzusetzen. Das gilt auch für ähnlich radikale Massnahmen gegen die menschliche Biogasproduktion, und die emsig betriebene Selbstabschaffung der Spezies kommt nur sehr langsam voran. Zu diesem brandheissen Thema hat Markus Frohwald, Absolvent des Master-Studiengangs Renewable Energy Design der FH Erfurt, folgenden Beitrag zugeschickt:.

Fragen eines medienkundigen Arbeiters

Warum furzen wohl die Toten so laut?
Reicht es denn nicht,
wenn wir Lebenden so viel Gas produzieren,
dass die Städte stinken,
wenn es windstill ist
und Regen in der Luft liegt?
Auf den kotgepflasterten Strassen
husten und würgen die Hunde,
und die Vögel krächzen und kotzen
in den dieselschwarzen Bäumen.

Warum sieht denn niemand hin,
wenn im Fernsehen auf allen Kanälen
die Reporter mit den lustigen Gasmasken
die neusten Ozonwerte nuscheln?
Wer will schon wissen,
wen die schwarze Pest diesmal trifft,
und wen interessiert es,
wenn in München bei Föhn
schon wieder ein Bus
mit schorfigen Babys explodiert ist?

Casanova hat noch laut gelacht,
als er, auf der Treppe im Wirtshaus zu B***,
eine Dienstmagd vögelte,
die bei jedem Stoss
einen heftigen Furz von sich gab.
Wer mag heute noch nachlesen,
wie die Mauern von Jericho (Josua 6)
beim Schall der sieben Posaunen einstürzen,
und wie der HERR, bei Rilke,
auf den Fluren die Winde loslässt?

Die besseren Damen, schaumgebadet und duftumschwebt,
fallen schon längst nicht mehr in Ohnmacht,
wenn kunstfertige Herren mit ihrem Sphinkter
„Die lustige Witwe“ intonieren.
Wir geben uns doch wirklich Mühe
Mit den bunten Punkten und Säcken,
und es ist wahrhaftig nicht unsere Schuld,
wenn die giftige Scheisse
aus allen Rohren und Schächten quillt.

Es ist ein Donnern in den Lüften,
dass uns die Stöpsel aus den Ohren fliegen.
Aber morgen stehen schon wieder
Hülsenfrüchte und saftige Steaks
Auf dem Fahrplan.
Warum geben die Toten bloss keine Ruhe?

Dass die menschliche Luftverschmutzung kein Problem und zudem sehr lustig ist, will uns der amerikanische Kulturimperialismus seit Jahrzehnten weismachen. In einem weltweit erfolgreichen Musikfilm von 1952 tanzt der Protagonist durch den (wahrscheinlich damals schon ziemlich sauren) Regen und singt:

I’m farting in the rain,
Just farting in the rain.
What a glorius feeling,
I’m happy again.

Und der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut will uns sogar einreden, wir seien lediglich „hier auf Erden, um herumzufurzen“. Wir sollten uns „bloß von niemandem was anderes erzählen“ lassen. Andererseits outet sich Vonnegut als überzeugtes Mitglied eines unheiligen Unordens mit dem Namen „Our Lady of perpetual astonishment“ (Mann ohne Land, Zürich 2006: 71, 52). Diesem Club fühlt sich auch der Verf. des Blogs zutiefst verbunden. (9.12.2012)

Die Büste des Jupiter Otrocoli, die Goethe in seiner römischen Wohnung dem Bett gegenüber installiert, erweist sich als probates Bildformat für den Einen christlichen Gott. Schnorr von Carolsfeld, dessen Illustrationen zur Bibel weite Verbreitung im Deutschland des 19. Jahrhunderts fanden (und nach zahlreichen Neuauflagen noch einmal 1986 aufgelegt und dann verrramscht wurden), präsentiert den Schöpfer mit Jupiterkopf und einem patriarchalisch verlängerten Bart, wie ihn schon der Moses von Michelangelo aufweist. Dass dieses Bildformat (mit weissem Bart) dann auch für den Weihnachtsmann übernommen wurde, sei nur am Rande vermerkt. Wie gesagt: Kinderglaube (30.4.2013)..

gott

Herder auf dem Schiff

An den traurigen Tagen
bleibt der Mittag noch aufgehoben.
Das ist eine von den Dreien Unbegreiflichkeiten,
die erste und schönste.
Der Anschein eines Augenblicks
besorgt den Rest.
Ein solches grosses Geschäfte…

Die Zeit war mir lang,
Ich gefiel mir nicht.
Die Virtuosen unseres Jahrhunderts,
vom Schreckhaften und Sanftbetäubenden
in die grosse nutzbare Welt gejagt,
polierten derweil ihre eisernen Wunden.
Noch weiss ich nichts.
Ich gehe weiter.

Chronik des laufenden Wahnsinns (W & S: 308-309), Fortsetzung  Am 23. August 2012 (S. 8) beklagt der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe unter dem Titel „Sonnenfinsternis“ die „unheilige Allianz zwischen den Glaubens- und Geld-Ökologen“. „Zum wirtschaftlichen Wahnsinn gesellt sich nun die moralische Obszönität“, nämlich die spekulative Verteuerung der Lebensmittel in den armen Ländern. Drei Wochen später, mit offensichtlich getrübtem Blick, erwähnt er „die märchenhaften Öl- und Gasfunde“ in den USA, die ab 2017 „für ein Prozent Zusatzwachstum pro Jahr sorgen“ sollen. Er redet damit den Märchen-Agenturen das Wort, die eine beispiellose Form der Umweltzerstörung (Cracking mit chemischer Vergiftung des Grundwassers) schönfärben im Namen nationaler Independance  und damit die Wahnvorstellung fortschreiben, die u. a. hinter der Schulden- und Finanzkrise steht: das Märchen vom grenzenlosen, unverzichtbaren Wachstum (30.10.2012).  Wenn der Harvard-Historiker Niall Ferguson die gängigen Kapitalismus-Modelle als „Wahnvorstellungen zweirangiger Akademiker“ bezeichnet (DZ 30.8.2012: 23), wird damit auch die Relevanz dieser Konstrukte als Grundlage politischer Entscheidungen fragwürdig. Und wenn Wolfgang Schäuble zur seinerzeit von ihm beförderten Dere­gulierung der Finanzmärkte („stupide“) einräumt: „Alle haben bei diesem Wahnsinn mitgemacht – ich auch“ (DZ 11.10.2012: 15), dann wäre zu fragen, ob nicht neuere Politik zur lokalen und mitunter hirnrissigen Bearbeitung globaler Phantasmen heruntergekommen ist. Die politischen Hauptdarsteller im globalen Spiel der Gegen­wart zeigen immer häufiger die grotesken Symptome, die Lubitsch und Chaplin (und später Sokurov) schon bei Hitler und seinen Gefolgsleuten herausgestellt haben. Selbst die bundesdeutschen Provinzpolitiker hasten, wenn man dem Film Herr Wichmann aus der dritten Reihe von Andreas Dresen (2012) folgt, unverdrossen durch den Wahnsinn, der ihr „täglich Brot“ ist (DZ 6.9.2012: 59). Die gewalfreudigen Phobokraten (Sloterdijk 2012: Zeichen und Tage, 426 u. öfters), die sich Jahrtausende mit affektiv aufgeladenen Szenarien von Himmel und Hölle an der Macht gehalten haben, fressen inzwischen Kreide und erzählen in immer neuen Varianten das Märchen vom irdischen Schlaraffenland: Gier und Geld für alle. Sie haben dabei eine Einsicht vergessen, die den Phobokraten (wenn auch aus anderen Gründen) geläufig war und die Georg Sesslen in einem kritischen Artikel über Land-Art auf die Formel bringt: „Der Mensch und die Erde passen einfach nicht zueinander“ (DZ 11.10.2012: 57). Die anthropologische Ausstattung des Homo sapiens ist offensichtlich auf Entropie eingestellt und entspricht damit einer (so wird vermutet) basalen Eigenschaft des Universums: der sich seit dem Urknall beschleunigenden Vermehrung von Unordnung und Chaos. Der Mensch würde demnach im kleinen irdischen Massstab praktizieren, was das ganze Universum bewegt. „It’s not dark yet, but ist getting there“ (Bob Dylan:  1997) (4.11.2012).

Notate, unterwegs…

Berlin

U-Bahn, Krisentelefon

Im Netz der Apparate,
flächendeckend, zum Sondertarif,
immer dieselben Fragen, die alten Schmerzen,
und immer wieder eine irre Hoffnung
zwischen dem Abnehmen des Hörers
und dem ersten Wort.

Schiffbauerdamm, 27.2.2004, 18.35ºº

Im Lampenlicht treibt Schnee
diagonal durch die Dunkelheit:
Die Einheit der Differenz
unserer frühen Erinnerungen.

Göttingen, Fussgängerzone

Das strömt und rennt und lacht,
während andere wieder stille sitzen
in ihrem müden Elend.
bis die Stunde schlägt,
die Türen der Tempel schliessen
und der Abendwind nur noch Plastiktüten und Pappbecher
über das wundgetretene Pflaster treibt.

How are you

Zugestöpselt und fernbedient, zeitverpfeilt
zwischen Gestern und der schnellen Entsorgung,
üben wir fingerfertig, von morgens bis irgendwo,
das weisse Rauschen, den lautlosen Schrei.

Sisyphos (gegen A. C.)

Die schwarze Tasche und der Stein
in den Bergen diesseits der Grenze:
Die kaum zu ermessende Last
eines nicht mehr tragbaren Lebens.

Weit aufgerissen schon, die Augen des Engels.
aber, erstens, schielt er (ein wenig)
und, zweitens, starrt er uns an:
Eine einzige Katastrophe.

Wetterbericht

In riesigen, rostigen Kisten aus Blech
Tuckern unsere Träume übers Meer.
Wenn sie der Sturm am Riff zerschellt,
müssen die Küsten Trauer tragen.

Endlos-Schleifen

Hunde-Tage, Gedächtnis-Post
fern gesehen und kurzgeschlossen
im Replay. Alles schon da
gewesen: noch einmal, nur…

Bedingter Reflex

Schon wieder klingelt das Telefon
im Fernsehen. Warum
schrecke ich jedesmal auf
und schlafe nicht wieder ein?

Wintermärchen

Drei Tropfen Blut im Schnee
aus der Kanone. Die feuert,
bis Alles wieder weiss ist.

2 Gedanken zu „Puzzle-Kiste

  1. Rêveri d’un métérologue solitaire.
    Halbes Sonett

    Was da übers Meer tuckert, meine Träume
    sind’s jedenfalls nicht. Die hockten in Travens
    Totenschiff, zuerst blinde Passagiere. Dann
    Abgesoffen. Ein andrer kassiert die Versicherung.

    Dass die Küsten Trauer tragen MÜSSEN
    wenn Träume zerschellen an ihnen, ist
    ein Witz, Ölschlamm ist das Trauerkleid

    • „Unsere Träume“ meinen das System, dem wir alle angehören, auch kritisch und auf Untergang eingestimmt. Wir sind alle im System, wir beutzen Autos, Flugzeuge und zahllose aus Erdöl hergestellte Produkte, von denen viele traum-affin sind (Mythos Reise, Schönheit, Dauer usw.). Natürlich ist der Ölschlamm der Trauerrand (einer von vielen) des Systems, das war gemeint.

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